Zeit der Aufbrüche

Wo sind Sie gerade? Wie geht es Ihnen? Haben Sie noch Kontakt zur Außenwelt?

Draußen sprießt jetzt alles wieder. Bäume wechseln von einem vorsichtig-zarten Hellgrün zum satten Dunkelgrün. Die Frühjahrsblüher weichen den Blüten der Vorsommerzeit. Es zwitschert und summt – und doch ist alles ganz und gar anders als noch vor kurzem. Seit einigen Wochen treibt ein neuartiges Virus sein Unwesen. Es erobert Staaten und Kontinente, es verbreitet sich rasend schnell, fordert auch Todesopfer und lähmt das öffentliche Leben. Menschen isolieren sich, leben in der Vereinzelung und in Sorge um die Zukunft. Zwischen Solidarität und Misstrauen gegenüber ihrem Nächsten schleichen sie durch die Tage oder bleiben ängstlich, wo sie sind.

Nichts ist so, wie es vorher war.

Völlig unpassend hierzu sehen wir, wie die Städter auf Liegestühlen ihre Gesichter den ersten sommerlichen Strahlen entgegenstrecken: ohne Jacke, ohne Schal. Das Fahrrad hat Hochkonjunktur: Es mindert die Infektionsrate und lässt einem die warme Briese hautnah genießen. Kinder wollen sich endlich wieder nachmittags auf den Spielplätzen verabreden. In der dunklen Jahreszeit war dies nicht möglich. Jetzt ist es vielerorts verboten. Wo sind die altvertrauten Bahnen geblieben, in denen der Jahreskreis bisher verlief?

Hier in Berlin spürt man sehr deutlich, dass es nichts mehr im gewohnten Trott läuft. Dieser Tage sind es die Auswirkungen einer gefährlichen Pandemie, die uns das vor Augen führen. Bange schauen wir in die Zukunft.

Der Pfarrsprengel Oberspree-West steht vor neuen Zeiten. Die Pfarrwahl in Treptow musste vorerst verschoben werden. Auch unsere beiden Gemeinden werden zukünftig Umbrüche erleben. Pfarrstellen sollen neu besetzt werden, Abschiede vom Alten und Gewohnten stehen vor der Tür, begleitet von Enttäuschungen und Verletzungen, aber ebenso von großen Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft. Die Jugendlichen ziehen in diesen Tagen aus dem Hexenhaus aus. Sie wollen sich neue Räume erobern, sich einrichten, um wieder ein Gefühl von Beheimatung und Verbundenheit zu finden. Manche trauern vielleicht dem Alten nach, aber andere freuen sich darüber, dass nun frische Wege begangen werden können. Unsicherheiten und Chancen – sie gehen oft miteinander einher.

Mitten in diese Zeit bricht das Osterfest über uns hinein. Es durchkreuzt alles, was sich gerade eingespielt hat: die Passionszeit, den üblichen Lauf der Dinge, alle Unzufriedenheiten und Fragen in unseren Gemeinden, auch alle Ängste und Befürchtungen dieser Zeit. Ostern stellt auf den Kopf, was eingefahren ist. Ostern geht den umgekehrten Weg: Es beginnt beim Tod und endet mit dem Leben.

Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich (1.Korinther 15,42).

Verwesliches. Im Grunde umgibt es uns allerorten. Besonders frustrierend finde ich den Anblick der zermatschten Frühjahrsblüher. Was die ersten Sonnenstrahlen so verheißungsvoll entfaltet, fällt bei Wärme sofort in sich zusammen. Verwesliches Leben, verwesliche Gedanken, verwesliches Handeln und Verwesliches im Miteinander. Aufblühen und Vergehen, Gutes und Schlechtes, so kennen wir es, denn genau das sind die Regeln unseres Alltags, unserer Wirklichkeit. Das normale Alltagsleben hat keinen Bestand. Ein wenig haben wir uns an diesen natürlichen Lauf der Dinge gewöhnt. Und doch ist es bedrohlich, wenn nicht nur die Frühjahrsblüher zerfallen, sondern uns auch ganz basale Dinge wie die Gespräche an der Bushaltestelle oder das Treffen beim Sport wegfallen. Neben manchem freundlichen Lächeln dieser Tage sehen wir übergroße graue Wolken am Himmel unserer Zukunft, weil alle Gewohnheiten ins Wanken geraten.

Aber was, wenn es dann auf einmal anders kommt – wenn Ängste sich unverhofft nicht erfüllen, wenn sich unsere Gesellschaft als tragfähig erweist, wenn es Hilfe und Solidarität für die Schwächeren gibt? Auf vielfältige Weise zeigt sich die Welt in neuem Licht. Ostern macht es uns vor. Der Morgen beginnt auf dem Friedhof, dem Ort, der von Tod und Abschied erzählt wie kein anderer. Dort begrüßen wir alljährlich das Licht des Ostermorgens. Es strahlt über all dem, was tot darniederlag. Es zeigt uns das Leben in einem neuen Schein – dem leuchtenden Hoffen auf eine Auferstehung.

Mit Ostern überwindet Christus für uns all das, was uns quält und belastet. Er öffnet unseren Blick für die Zukunft, die uns im Moment noch ungewiss und bedrohlich vor Augen steht. Er bietet uns den Trost an, den wir heute und morgen nötig brauchen – unerwartet, fernab vom täglichen Hoffen und Bangen. Die Kirchenglocken erinnern uns daran. Wenn wir in diesen Tagen auf all unsere gewohnten Begegnungen verzichten müssen, so verbindet uns der helle Klang der Glocken untereinander. Er ruft uns zu Gebet und Besinnung, er versammelt uns virtuell, versichert uns, dass wir nicht allein sind und lässt uns hoffen auf die Tage, an denen wir uns in unseren Kirchgebäuden wiedersehen werden. Hören Sie mittags um 12 Uhr oder abends um 18 Uhr das Geläut, fühlen Sie sich eingeladen, einen Moment zu verweilen, ein Gebet zu sprechen – vielleicht das Vater Unser –, ein Lied zu singen und sich zu vergegenwärtigen, dass wir eine Gemeinschaft sind, die miteinander glaubt und hofft! Ostern kommt trotz Virengefahr und Quarantäne.

Einen zuversichtlichen Blick auf diese Tage und gesegnete Ostern wünscht Ihnen

Ihre Julika Wilcke

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