Ein Jahr neigt sich zu Ende

Liebe Gemeinden in Baumschulen weg und Johannisthal,

ein Jahr neigt sich dem Ende. Für mich war es zugleich das erste Jahr hier in Oberspree-West, das erste in diesen beiden Gemeinden. Es war ein schnelles Jahr. Viele von Ihnen habe ich kennengelernt, so manches über Ihre Gewohnheiten und Traditionen erfahren, ich habe Lachen und Sorgen erlebt. Ich bin hin und her gefahren, habe Bekanntschaft gemacht mit Orten, Wegen, Aufgaben, Abläufen und Wünschen in Johannisthal und Baumschulenweg. Und zwischendurch habe ich immer wieder gestaunt, wie schnell doch die Zeit verfliegt und man vertraut wird. 


Nun blicke ich zurück, so, wie es am Ende eines Jahres unwillkürlich passiert- erst recht, wenn es das erste nach einem Neuanfang ist. Staunend stelle ich fest, wie vieles mir hier ans Herz gewachsen ist: Meine Fahrradfahrten zwischen den beiden Friedhofsteilen hindurch. Menschen, die vorbeikommen, kommen für Gespräche oder zum Anpacken. Der charakteristische Geruch im Baumschulenweger Gemeindehaus oder die kleine Gemeindeküche dort. Sie lockt zu allen Tageszeiten mit Tee und bietet einen schönen Blick hinein in den Weltladen, jenseits des Lichthofes. Durchs Fenster sehe ich die Filzblumensträuße auf der anderen Seite leuchten und plane einen kleinen Besuch dort drüben ein, ehe er schließt. 


In Johannisthal ist es besonders der Spaziergang ums Gebäude herum. Hier habe ich im Frühling die Krokusse bewundert und im Herbst die Äpfel aus dem Gras gesammelt. Auf dem Weg vorbei an den läutenden Glocken fallen mir die Ohren ab, und ich freue mich, dass auf diese Weise die Kirche am Ort vor allem hörbar, wenn schon nicht sofort einsehbar ist. Und dann das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten, zusammen mit vielen ( oder manchmal auch weniger) Menschen. Viele späte Abende, an denen wir uns gemeinsam Gedanken über das vielgestaltige Gemeindeleben gemacht und Ideen auf den Weg gebracht haben. Schließlich sitze ich in Momenten der Ruhe gerne im Johannisthaler Kirchsaal, mit Blick zum Altar und den Garten hinaus. Oder in einer Baumschulenweger Kirchenbank, beobachte, wie das einfallende Licht den Raum zu jeder Tageszeit anders wirken lässt, und atme tief ein. 


Ein Innehalten: Wieder bleibt das vergangene Jahr ein unfertiges. Vieles von dem, was ich mir vorgenommen habe, steht noch aus. Da gibt es Besuche, für die ich mir nicht die Zeit genommen habe. 

Einige Gespräche möchten gerne fortgesetzt werden. Und so manche Entscheidung wurde bisher aufgeschoben. Es sind die Dinge, die einen zum Weitergehen einladen, ja auffordern. Nun wird es wieder kühler und dunkler und auch ein wenig ruhiger um uns herum. Denn die Nacht kommt früher, und mit ihr die Sehnsucht nach dem Licht. 
Die Adventszeit fordert zum Warten auf, bei aller Hektik, die sie mit sich bringt. Es bleibt eine Zeit des Wartens und der Sehnsucht nach Heil - für uns persönlich, in unseren Familien, Freundeskreisen oder in den Gemeinschaften, die uns zusammen binden. Aber auch nach dem Heil einer seufzenden Welt. So vieles ist auch in diesem Jahr unerledigt geblieben. 
Noch immer sind Menschen auf der Flucht, noch immer warten viele auf Frieden und Befreiung. Der heiße Sommer, die Überflutungen und unkontrollierten Brände zeigen uns, dass wir uns viel mehr anstrengen müssen, um nachfolgenden Generationen einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen. 

All das Unfertige und Unbefriedigende unserer Welt steht uns in diesen Dezembertagen vor Augen. Es mag einen Schatten auf die Lichter des Advents werfen. Es mag den Blick nach oben verstellen, den hoffnungsvollen und erwartungsfrohen. 
Dann sehen wir auf die Weisen, von denen uns die Bibel erzählt. Wir folgen ihrem Blick, suchen wie sie den Himmel ab nach Zeichen, die auf Besseres hindeuten. Auch sie haben sich auf den Advent vorbereitet. Sie haben immer wieder Ausschau gehalten. Ihr Sehen ebenso wie ihre Freude soll uns zum Vorbild werden. Der Spruch für den Monat Dezember erzählt davon: ,,Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut." (Matthäus 2,10) 


Innehalten und hinschauen - dazu will uns die Zeit des Advents einladen. Sie führt unseren Blick einmal über den Himmel geradewegs hin zur Krippe. In ihr mündet unsere Vorfreude, in ihr werden wir gewahr, dass es nicht darauf ankommt, am Ende eines Jahres alles erledigt zu haben, alle Vorsätze erfüllt und alle offenen Rechnungen beglichen zu haben. Diese Freude mündet in dem Licht, das unsere Sorgen und alle Unruhe besänftigt. 

 


Julika Wilcke 

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